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Lara Stanic


Pressestimmen

Dissonance 124 12.2013 Schweizer Musikzeitschrift

Wahn und Witz

...Nahe an der Kant’schen Definition des Wahnwitzes bewegten sich die Aktionen von Lara Stanic, Artist-in-Residence am Musikfestival Bern. In fünf kurzen Performances verband sie die Spielorte des Festivals und kommentierte das Programm. Stanics Arbeit reflektiert Wechselwirkungen von Mensch und Technik, von akustischen und elektro- akustischen Klängen. Transformation und Verkehrung bilden dabei zwei wesentliche Herangehensweisen. Im Münster versuchte sie mittels Feedbacks zwischen einem Lautsprecheranzug und Mikrophonen auf einen Bach-Choral einzustimmen, während sie zur Eröffnung des Tonkünstlerfestes Flötenglissandi in Fluggeräusche verwandelte, deren Resonanzen Luftballone abheben liessen. Die Installationen, denen ihr mögliches Scheitern stets inhärent ist, führten Klangerwartungen irre und präsentierten sich durchaus humorvoll – Wahn und Witz eben.
Moritz Achermann 

(/Daten/2013_Performancessolo/MusikFestivalBern/Dissonace124Artikel.pdf, )
 

Musikfestival Bern 3. bis 15. September 2013 WahnWitz Lara Stanic – Artist in Residence

Interview NACHFRAGEN ...

Lara Stanic, Sie sind Artist in Residence des Musikfestival Bern 2013. Ha- ben Sie bereits vorher Bekanntschaft mit der Stadt und der Kulturszene hier gemacht? Woher könnten die Berner Sie kennen?
LARA STANIC: Ich habe an der Hochschule der Künste Bern studiert und von 2002 bis 2006 in Bern gewohnt. Unter anderem habe ich 2006 im Rahmen vor Langeen Nacht der IGNM Bern, einem Festival für elektronische Musik, verschiedene Performances gezeigt. 2011 bin ich am BONE Festival für Aktionskunst, Bern aufgetreten.

Gibt es etwas, das für Sie besonders spannend oder herausfordernd bei den Vorbereitungen auf das Festival ist?
LS: Das Musikfestival Bern hat mich angefragt, die Konzerte mit Perfor- mances bzw. Performance Art-Stücken zu begleiten. Diese Verbindung finde ich spannend. In meiner Wahrnehmung sind die Musik- bzw. Performance Art-Festivals meistens getrennt. Interessanterweise treffen die beiden Künste vermehrt an Festivals für elektronische Musik aufeinander. In meinen Arbeiten sind die Aktion und der musikalische Ablauf ineinander verzahnt: Die Interpretin wird zur Performerin, die Komponistin zur Künstlerin. Dabei spielt der Einsatz von Live-Elektronik eine wichtige Rolle.

Ihre Performances im Rahmen des Musikfestivals Bern 2013 sollen sich wie ein roter Faden durch das Festivalprogramm ziehen und die Spielstät- ten verbinden. Können Sie kurz umreissen, was Sie vorhaben?
LS: Fünf kleine Performances habe ich für den jeweiligen Raum bzw. Fes- tivalanlass konzipiert. Zum Teil sind es frühere Arbeiten, die ich für das Festival neu überarbeitet habe, zum Teil sind es neue Performances. Sie dauern etwa zehn Minuten und finden teilweise im Vorfeld eines Konzerts statt. In der sechsten Aufführung versuche ich, im neuen Raum alle fünf Arbeiten in einem Ablauf miteinander zu verbinden.

Auf was freuen Sie sich beim Festival besonders?
LS: Ich freue mich auf das, was mir gleichzeitig grossen Respekt einflösst: Zum ersten Mal zeige ich innerhalb von einer Woche sechs technisch zum Teil aufwändige Performances. In der letzten Performance will ich versuchen, fünf kleinere Arbeiten in einem Ablauf zu verbinden. Ich bin gespannt, ob alles gelingt.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: „Kunst zu machen, bedeutet für mich ...“
LS: ... Mut, öffentlich zu zeigen, was man sich allein im stillen Kämmerchen ausgedacht hat.

Wie sind Sie zu der Künstlerin geworden, die Sie heute sind?
LS: Durch die Musik. Lange übt man ein Instrument, macht sich Gedan- ken über Interpretationen von Werken aus verschiedenen Epochen, studiert Stücke zeitgenössischer Komponisten ein. Später beschäftigte ich mich mit Musiktheater, lernte Audiotechnik und Klangsynthese. Als Flötistin war ich vor allem Interpretin. Irgendwann habe ich mich für das instrumentale Theater interessiert, weil man als Musiker dort mehr Freiheit hat. Ich woll te versuchen, etwas Eigenes zu machen. Wenn man nicht Komposition studiert hat, braucht es für den Schritt aus dem „Interpretenhäuschen“ viel Überwindung. Während des Studiums „Offenes Musikdiplom“ und „Musik und Medienkunst“ an der Hochschule der Künste Bern bekam ich die Chance, eigene Ideen umzusetzen. Besonders Verena Bosshard, Daniel Weissberg sowie mein Mentor Valerian Maly haben mich sehr bestärkt. Mit Valerian Maly, Klara Schilliger und Cyrill Lim arbeite ich seit 2010 im GingerEnsemble, einem Composer-Performer-Ensemble, zusammen. Diese Arbeit ist sehr bereichernd und ich lerne laufend Neues dazu.

Noch als Jugendliche sind Sie aus Serbien in die Schweiz eingewandert. War dieser Umzug eine Erfahrung, die Sie in Ihrem Kunstschaffen geprägt hat? Falls ja, wie?
LS: Ich erinnere mich, dass ich mich auf den Umzug von Belgrad nach Zürich sehr gefreut habe. Als Siebzehnjährige war ich noch nie in der Schweiz gewesen, dafür umso gespannter auf Neues. Ich kam vor dem
Krieg mit der ganzen Familie, weil mein Vater als jugoslawischer Staats- beamter für vier Jahre nach Zürich geschickt wurde. Ich hatte eine schöne, unbekümmerte Kindheit und Jugend in Belgrad. Doch eine neue Sprache zu lernen und ein anderes Umfeld zu entdecken, kam mir sehr entgegen. Ich wollte Musik studieren und ging ans Konservatorium Zürich sowie später an die Musikhochschule Bern und Biel. Meine Familie kehrte unterdessen zurück – in ein neues Land: Serbien. Rückblickend bin ich dank- bar, dass ich in der Schweiz geblieben bin und eine gute Ausbildung geniessen konnte. Während der Kriegsjahre im ehemaligen Jugoslawien wäre dies wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Was sind Ihre Themen in der Kunst? Was interessiert oder inspiriert Sie?
Musik und Klänge. Dass sie Räume erfüllen und bestimmen. Das sie unser Gemüt beeinflussen. Dass es für ihre Erzeugung und Wahrnehmung Luft braucht. Dass ein akustisches Instrument, egal, wie gut man es beherrscht, begrenzte Möglichkeiten hat. Dass Technik bedrohlich und schwerfällig wirken kann.
Können Sie kurz die Ästhetik umreissen, der Sie als Künstlerin folgen?
In meinen Performances ist der menschliche Körper der Klangerzeuger. Dabei geht es sowohl um akustische als auch um digitale Klänge. Es ist mir wichtig, dass meine Arbeit einen gewissen Humor hat. Sie soll nicht allzu ernst und rechthaberisch wirken, sondern etwas Verspieltes haben. Auch das mögliche Misslingen soll Teil des Spiels sein.

Ihre Kunst ist nicht statisch, sondern bezieht den Betrachter aktiv mit ein. Sein Erleben ist in den Performances und Installationen essentieller Teil des Werkes. Haben Sie eine Wunschvorstellung, wie der Rezipient Ihrer Kunst begegnen sollte?
Ich hoffe, das Publikum fragt sich, was wohl geschehen soll, und wird ein wenig überrascht. Sobald die Leute anfangen, sich zu langweilen, werden sie wieder in Ruhe gelassen.

Viele Ihrer Performances und Installationen entwickeln Sie ortsspezifisch. Können Sie am Beispiel des Musikfestivals Bern kurz erklären, was das bedeutet?
LS: Zum Beispiel in der Performance „Spielfeld“ im Münster treffen die Frequenzen des Kirchenraums (in Form von Rückkopplungen) auf Kir- chenmusik. Oder zur Eröffnung des Tonkünstlerfests will ich versuchen, Lautsprecher festlich zum Abfliegen zu bringen.

Sie schliessen in Ihren Performances oftmals den menschlichen Körper mit elektronischen/digitalen Medien kurz. Was ist der Reiz an dieser Kombina- tion? Welche Möglichkeiten und welche Bedeutung stecken für Sie in der künstlerischen Konfrontation von Mensch und Medien?
LS: Lange war es für mich ein wichtiges Thema, dass das Musizieren auf einem akustischen Instrument eine eher körperliche, jenes mit dem Com- puter hingegen eine eher kopflastige Angelegenheit ist. Im ersten Fall ist der Zusammenhang zwischen erzeugtem Klang und körperlicher Bewe- gung für den Zuschauer einfacher nachvollziehbar als im zweiten. Dies ist nichts Neues. Und ich störe mich nicht mehr besonders daran, denn der Kopf ist auch Körper. Anfänglich habe ich gedacht, wenn man mit dem Computer Musik macht, müsse man nicht mehr üben wie auf einem Instrument. Inzwischen ist mir klar, dass das „Musikdenken“ geübt werden will – genau wie die Fingerläufigkeit. Ich bin überzeugt, dass sich der Mensch einfach Instrumente bauen muss. Manche sehen aus wie eine Tischgitarre, manche wie ein Computer, manche wie ein Staubsaugerrohr – alle sind zum Spielen da.




Die Veranstaltungsorte
Berner Münster
Münsterplatz 1, 3011 Bern
T. 031 312 04 62, www.bernermuenster.ch
Dampfzentrale Bern
Marzilistrasse 47, 3005 Bern
T. 031 310 05 40, www.dampfzentrale.ch
PROGR, Aula, Zentrum für Kulturproduktion Speichergasse 4, 3011 Bern
T. 031 318 82 70, www.progr.ch
Schweizerisches Psychiatrie-Museum Bern
Bolligenstrasse 111, 3000 Bern
T. 031 930 97 56, www.puk.unibe.ch
Bus 10 bis Waldeck, umsteigen, RBS-Bus 44 zur Klinik Waldau
Stadttheater Bern
Kornhausplatz 20, 3011 Bern
T. 031 329 51 11, www.konzerttheaterbern.ch 

(/Daten/2013_Performancessolo/MusikFestivalBern/Dissonace124Artikel.pdf, )